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TRANSFER WIEN
Werner Feiersinger, Johanna Kandl, Herwig Kempinger, Ines Lombardi,
Muntean/Rosenblum, Constanze Ruhm, Hans Schabus, Günther Selichar, Gerold Tagwerker, Klaus Dieter Zimmer
Kuratoren: Susanne Priesner (Wien), Mathias Güntner (Hamburg)
Die "WELT" schreibt am 16. Feb 2003:
Aktuelle Werke aus Wien und junge Künstler aus Hamburg und Berlin in den Räumen der Sammlung Falckenberg und PhoenixArt
von Belinda Grace Gardner
Mit dem Segelboot durch die Kanalisation von Wien: Hans Schabus hat sich das Vehikel dazu selbst gebaut. Seine abwegige Odyssee hat er filmisch dokumentiert: Man sieht ihn mit gehissten Segeln auf dunklen Gewässern dahingleiten. Melancholie und Absurdität sind hier vereint. Schabus ist einer von zehn Künstlerinnen und Künstlern, die in der Schau „Transfer Wien" versammelt sind. Zu sehen jetzt in den Räumen der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg.
Die Auswahl traf das Kuratoren-Duo Susanne Priesner (Wien) und Mathias Güntner (Hamburg). „Wien hat eine sehr virulente Kunstszene", so Güntner. „Wir wollten Künstler vorstellen, die in Hamburg bislang kaum vertreten waren, aber in Österreich sehr präsent sind." Viele haben bereits an internationalen Ausstellungen und Biennalen teilgenommen. Was die Künstler aus Wien verbindet, sind die überraschenden Brüche und Wendungen in ihren Arbeiten. Resultate schillernder „Transfer"-Prozesse zwischen Realität und Kunst, in deren Verlauf vieles ins Wanken gerät. Um Ecken herum zur Anschauung gebracht, wechseln die Dinge ihren Zustand oder offenbaren völlig unerwartete Seiten.
Dass nicht alles so ist, wie es scheint, zieht sich durch die Ausstellung hindurch. Herwig Kempingers Großfotos von dramatischen Wolkenballungen etwa bestehen aus vielen Himmelsansichten, die digital miteinander verschmolzen wurden. Ines Lombardis fotografische Reisedokumente einer Donaufahrt mutieren zu Landschaftsfragmenten, die sich einer eindeutigen Verortung entziehen.
Günther Selichar macht die Hintergrundstrukturen abgeschalteter Monitore sichtbar: ein Spiel mit den Phänomenen, die sich unter der flirrenden Oberfläche unserer elektronischen Bildwelten verbergen. In ihrer zeitgeschichtlichen Feldforschung konfrontiert Johanna Kandl Fotodokument und gemaltes Abbild miteinander. Verschiebungen kommen zum Vorschein, die sich aus einer Übersetzung der fotografierten Wirklichkeit in die Malerei ergeben. In den Gemälden selbst verdichten sich die Ereignisse und lösen sich vom konkreten Anlass.
Die surreale Situation eines Flohmarkts gleich neben einem Badestrand, eine russische Kaserne, wo heimgekehrte Soldaten eng beieinander stehen: Plötzlich werden daraus Geschichten. Irritierend auch die an Comic-Strips angelehnten Bildsequenzen der Künstler Muntean und Rosenblum: Zunächst wirken ihre Protagonisten wie die jung-dynamischen Stars einer Daily Soap. Doch die Bildtexte sprechen von innerer Leere und Sinnsuche. Und im Hintergrund laufen die jugendlichen Jogger um ihr Leben.
Kurvenreiche Linien fügen sich in Dieter Zimmers „Drawn Paintings" zu geheimnisvollen virtuosen Mustern. Sie basieren auf den Umrissen von Farbflecken und anderen Malspuren, während seine knallig leuchtenden Wandblöcke Skulptur und Malerei verknüpfen. Gerold Tagwerker lässt die kühle Ästhetik modernen Designs auf Trash-Materialien aus dem Baumarkt prallen. Türme aus Neonröhren, Glas und Drahtgeflecht, ein Holzgerüst mit gewölbten Spiegelflächen: Die edle Form wird durch das Material unterlaufen, das Material umgekehrt veredelt.
Ein Pendant dazu bilden Tagwerkers Fotoarbeiten. Die Strukturfassade eines 60er-Jahre-Hochhauses, beispielsweise, verwandelt sich in ein bizarres skulpturales Versatzstück. Ein Boot, das niemals in See stechen wird, gehört zum bildhauerischen Repertoire von Werner Feiersinger. Seine „Gebrauchsgegenstände" sind alltagsuntauglich, allein die Form importiert er in seine Kunst. (...)
14. Februar bis 5. April 2003, Sammlung Falckenberg/PhoenixArt
Artikel erschienen am 16. Feb 2003 in der WELT
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